„Manfred Rommel und Stuttgarts Weg zu Integration & Weltoffenheit“ im Stadtpalais Stuttgart

Am Dienstag, den 26.03.2019 war ich im Stadtpalais Stuttgart zu Gast. Dort gibt es momentan eine Sonderausstellung über den ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel zu sehen und im Zuge dessen fand eine Podiumsdiskussion zum Thema „Stuttgarts Weg zu Integration und Weltoffenheit“ statt. Es hat mich gefreut vor dem Gespräch mit Migrationsexperte Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun und dem Stuttgarter Integrationsexperten Gari Pavkovic einen Impulsvortrag über Manfred Rommel zu halten. Den Impuls finden Sie im Anschluss an die Bildergalerie. 

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Impulsvortrag:

Das Stadtpalais ist nicht nur wegen der Sonderausstellung zu Manfred Rommel der ideale Ort für das Thema „Stuttgarts Weg zu Integration und Weltoffenheit“. Stadtmuseen sind im Idealfall mehr als Erinnerungsstätten, die Zeugnisse der Vergangenheit ausstellen. Sie sind Orte der Reflektion – was gehört zu unserem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis, wie verlaufen die roten Fäden der Stadtentwicklung – und vor allem: wie hilft uns ein klares Bild unserer Geschichte die Weichen für unsere Zukunft zu stellen. Im Vorfeld der Diskussion heute habe ich mir Gedanken gemacht, warum ich gerne Stuttgarterin bin.

Stuttgart – so wie ich es seit 35 Jahren erlebe – hat eine echte Stadtgesellschaft. Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlich großem Geldbeutel leben Tür an Tür. Sie begegnen sich im kulturellen Leben. Trotz eines angespannten Wohnungsmarktes sind die Quartiere und Viertel durchmischt. Die Menschen setzen sich für ihr Gemeinwesen ein. Das zeigt sich am hohen ehrenamtlichen Engagement in Vereinen und stadtweiten Initiativen. Sehr oft reicht dieser Einsatz weit über das direkte Lebensumfeld hinaus– das deutsch-türkische Forum ist ein Beispiel dafür.

Was sind die Wurzeln für dieses wunderbare Lebensgefühl? Aus meiner Sicht hängt viel von der politischen Stimmung in der Stadt und den Leitlinien ihrer Verwaltung ab. Und dabei erkenne ich einen roten Faden, der sich von der Ära Rommel bis in die Gegenwart, bis heute zieht.

Auf drei Schlagworte gebracht:

Mut zur Vielfalt,

Mut zur Anstrengung,

Mut zur Haltung.

Wenn Beobachter heute von außen auf Stuttgart schauen, dann sehen sie vor allem eine wirtschaftsstarke Region mit hoher Anziehungskraft. Menschen aus ganz Deutschland und der ganzen Welt ziehen hierher und finden hier Heimat. Unternehmen wie Politik werben mit Vielfalt und Weltoffenheit als Markenzeichen von Stuttgart. Sie werben damit, dass hier Menschen aus über 170 Nationen zusammenleben und gemeinsam eine bunte, lebendige Gemeinschaft bilden. Der Stolz darauf ist zu Recht ein Mantra der Stadtpolitik.

Manfred Rommel hat dieser Politik ein Gesicht gegeben. Wenn Sie die Sonderausstellung besuchen, stoßen Sie auf eine Zettel-Wand, auf der die Besucherinnen und Besucher ihre Erinnerungen an seine Person festgehalten haben. Sie werden oft davon lesen, dass er es verstand, den Bürgerinnen und Bürgern auf Augenhöhe zu begegnen, dass er sie als Mitmenschen betrachtete und behandelte. Dieser Haltung entsprang auch seine Sicht auf Zuwanderung. Manfred Rommel sah die Neubürgerinnen und –Bürger aus anderen Ländern als eben das: Als Bürgerinnen und Bürger, als Mitmenschen.

Meine Damen und Herren, diese Haltung war menschlich. Was aus politischer Sicht aber mindestens genauso so wichtig ist: Sie war  vernünftig und pragmatisch. Manfred Rommel hat als OB früher als viele seiner Kollegen erkannt, dass das Wachstum der Stadt ihren Charakter verändern wird. Im Rathaus hat man sich deshalb entschlossen, diesen Prozess aktiv zu steuern. Um dabei die richtigen Hebel zu finden, muss man sich in Menschen hineinversetzen können. Wenn Menschen aus anderen Ländern, mit einer anderen Sprache, einer anderen Kultur zu uns kommen, suchen sie zunächst fast immer den Kontakt zu ihren Landsleuten. Darüber habe ich mich kürzlich auch länger mit dem Tübinger Heimatforscher Prof. Bausinger ausgetauscht. Er hat aus seiner wissenschaftlichen Perspektive bestätigt,  dass das völlig normal ist. Ja, dass das im ersten Moment sogar gut für den Integrationsprozess sei.

Das Vertraute in der Fremde gibt Zugewanderten Sicherheit – einen Boden unter den Füßen, auf dem sie beginnen können, ein neues Leben aufzubauen. Entscheidend ist der zweite Schritt. Bequem wäre, dass die Neuen unter sich bleiben und die Alteingesessenen auch. Langfristig entstehen jedoch so Milieus ohne nennenswerte Berührungspunkte  – dafür gibt es andernorts leider einige Negativ-Beispiele. In Stuttgart hatten die Verantwortlichen Mut, den anstrengenden Weg zu gehen.

Die städtische Wohnungsgesellschaft hat z.B. darauf geachtet, dass gemischte Hausgemeinschaften entstehen, dass sich die Vielfalt der Stadtgesellschaft auch in den einzelnen Vierteln zeigt. Viele Maßnahmen der Stadt- und Sozialplanung haben diese Strategie unterstützt. Im Ergebnis haben sich die jeweiligen Interessen einzelner Gruppen – hier die Alteingesessenen, dort die Zugewanderten – zum Interesse aller verbunden, dass das Leben im gemeinsamen Quartier gut funktioniert.

So zu handeln ist auf lange Sicht vernünftig, auf kurze Sicht ist es riskant. Denn die Alteingesessenen – also die, um deren Stimmen ein Manfred Rommel bei Wahlen geworben hat – hätten ihm durchaus von der Fahne gehen können. Mit dem Argument „Kümmern Sie sich doch erst mal um uns“. Dass diese „Wir gegen die“-Abwärtsspirale in Stuttgart nie in Gang kommen konnte, spricht für die Überzeugungskraft Manfred Rommels. Es spricht aber auch für die sichtbar guten Ergebnisse der Integrationspolitik – die er begonnen und seine Nachfolger und deren Teams weiterentwickelt haben.

Manfred Rommel hat seine Linie auch dann verteidigt, wenn es politisch nicht geboten erschien. In der Ausstellung finden Sie dazu ein Zitat aus einer Beilage der Stuttgarter Zeitung. Es lautet: „Zuweilen pfiff dem Populären der Bürgerwind kräftig ins Gesicht, wenn er, ganz unpopulär, aus tiefer liberaler Überzeugung etwas gegen die gängige Volksmeinung vertrat.“ Das bezieht sich auf seine Ansprache zur Trauerfeier zweier ermordeter Polizisten 1989. Bei einer Routinekontrolle hatte ein Asylbewerber aus Afrika zwei Polizisten mit einem Bajonett getötet. So einen Gewaltausbruch kannten wir in Stuttgart bis dahin nicht. Auch deshalb hat das die Menschen so erschüttert. In dieser Situation sagte Rommel: „Es hätte auch ein Weißer sein können. Es hätte auch ein Schwabe sein können.“ Damit baute er eine Brücke zwischen der Trauer und der Sorge vor der Stigmatisierung aller Asylbewerber oder gar aller Ausländer. Mit dieser Aussage ging Manfred Rommel zugleich ein hohes, politisches Risiko ein. Es gab viele, die seine Aussage nicht gut fanden. Manche hat sie gar empört. Seine klare Haltung hat aber dazu beigetragen, dass in der Folge keine Ausländer-Debatte aufgeflammt ist. Stattdessen gab es Gespräche darüber, wie man den Kolleginnen und Kollegen der Polizisten bei der Bewältigung dieser traumatischen Erfahrung unterstützen kann.

Eine Diskussion, bei der die Opfer im Mittelpunkt standen, die Hilfe und die Nachsorge für die Hinterbliebenen und Betroffenen. Diese Geschichte ist umso bemerkenswerter, wenn wir sie mit den politischen Reaktionen auf die Ereignisse in Chemnitz vergleichen. Dass die Debatte um die Tat eines Asylbewerbers 2018 so ganz anders verlief als in Stuttgart 1989 hat ein wenig mit einem anderen politischen und medialen Umfeld zu tun. In der Hauptsache hat sie aber mit einer Haltung zu tun, die Manfred Rommel geprägt und die die Stimmung in der Stadt bestimmt hat und weiterhin tut.

„Wir alle sind Stuttgarterinnen und Stuttgarter“, lautete sein Motto. Diese Haltung entzieht dem populistischen Kalkül, voneinander abgekapselte Milieus gegeneinander aufzuhetzen, den Nährboden.

Es ist unsere Verantwortung heute, diese Haltung in den aktuellen Debatten an den Tag zu legen. Wir brauchen sie auch, um den roten Faden weiterzuspinnen, den Manfred Rommel im politischen Handeln gelegt hat. Denn Stuttgart ist eine liebenswerte Stadt, aber kein Paradies. Ja, es gibt Alltagsrassismus, es gibt Vorbehalte gegen eine vielfältige und weltoffene Gesellschaft, es gibt diese auch bei vielen Zugewanderten. Und in vielen Bereichen, gerade in der Verwaltung, gerade an den Schlüsselpositionen, zeigt sich die Vielfalt der Stadtgesellschaft weiterhin nur unzureichend. Es gibt also noch viel zu tun. Die besten Ergebnisse erzielen wir mit der pragmatischen Sicht, die Manfred Rommel auszeichnete. Beim Engagement für Vielfalt als Leitlinie von Politik und Verwaltung geht es um mehr als um bessere Chancen für einen Teil der Bevölkerung. Es geht auch um mehr als – in Anführungszeichen – nur das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Es geht um die Grundwerte, die unser Land ausmachen und Grundlage für unser aller Leben sind.

Kurz: Es geht ums Allgemeinwohl. Vielfalt als Leitlinie ist daher ein Gebot der Vernunft.

Manfred Rommel hat das erkannt und vertreten. Darin ist er uns Vorbild.

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