Wie geht es unserem Stuttgarter Westen in der Krise? Ein Besuch bei Einzelhändlern & Gastronomie

Die Corona-Pandemie trifft uns alle. Wir spüren sie als Gesellschaft, aber auch in unserem Alltag. Jede und jeder muss sich an neue Einschränkungen gewöhnen, kleine und große Herausforderungen meistern und lernen, mit der aktuellen Situation umzugehen. Ganz besonders trifft die Corona-Krise auch unsere Gastronomie und Geschäfte, die erst nach und nach wieder öffnen dürfen und von teils massiven Umsatzeinbußen betroffen sind.

Als Abgeordnete ist es mir wichtig, zu wissen, wie es den Menschen in meinem Wahlkreis geht. Wie kommen die Inhaberinnen und Inhaber kleiner Läden mit den Regelungen zurecht? Wo kommen die Maßnahmen und Hilfspakete, die wir als Gesetzgeber verabschiedet haben, an – wo müssen wir noch nachsteuern? Wo kann man ganz konkret schnelle Unterstützung leisten? Und natürlich auch einfach: Wie ist die Stimmung?

Um mir ein besseres Bild von der Lage vor Ort zu verschaffen, bin ich gemeinsam mit unserem Bezirksvorsteher Bernhard Mellert losgezogen und habe Cafés und Läden im Stuttgarter Westen einen Besuch abgestattet – natürlich immer mit Mundschutz und Sicherheitsabstand.

Das Ergebnis? Viele nette, offene, informative Gespräche und eine schöne Botschaft, die alle Ladenbesitzer teilten: Danke an die Community, die in der Krise zeigt, was Solidarität und Zusammenhalt im Viertel bedeuten – mit lieben Worten, Unterstützungsangeboten, Spenden und dem vermittelten Gefühl, dass wir uns nicht egal sind, wir uns nicht hängen lassen.

Danke also auch von mir für die vielen Einblicke und Eindrücke, von denen ich gleich noch etwas ausführlicher berichte. Alle eure Anregungen nehme ich mit und versuche zu helfen, wo ich kann. Und: Das war sicher nicht meine letzte Runde durch unsere Stadt. Deshalb: Wer Unterstützung benötigt, Fragen hat oder anderweitig Kontakt aufnehmen will, kann mich jederzeit erreichen, unter muhterem.aras@gruene.landtag-bw.de!


 

Vom Bürgerzentrum West aus ging es zuerst zu einem echten Traditionsgeschäft, das sicher viele von euch kennen: Schon seit dem 1. April 1980 verkauft Silvia Panzer in ihrem Laden in der Arndtstraße Delikatessen; der 40. Geburtstag des Feinkost Panzer liegt also noch gar nicht so lang zurück. Und auch wenn die Geburtstagsparty auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste, bläst hier niemand Trübsal.

Silvia Panzers Credo: „Risiken sind auch Chancen. Man muss sich halt nur verändern und auch anpassen.“ Und das hat sie: ein neues Online Gin-Tasting und gemeinsame Online-Kochabende mit Loretta Petti stehen auf dem Programm, ein neues Lastenrad zum Ausliefern vor der Tür. Und auch über neue Kunden freut sie sich: „Viele junge Menschen haben jetzt offenbar mehr Zeit zum Kochen und kaufen entsprechend ein.“ Doch all das kostet auch viel Zeit und Energie. Trotz 95-Stunden-Woche könnte sie das alleine nicht stemmen. Umso dankbarer ist sie über die Unterstützung, die sie aus dem Viertel erfährt, zum Beispiel von Fotograf Franco Jennewein, der spontan angeboten hat, im Laden und bei den neuen Online-Formaten zu helfen.

Der große Rückhalt und der Zuspruch von Freunden, Gästen und Nachbarn rührt auch Aline John, die in ihrer Pâtisserie Tarte und Törtchen in der Gutbrodstraße den Westen mit allerlei Leckereien versorgt. Ob mit netten Briefen oder konkreten Hilfsangeboten – die Leute zeigen, dass ihnen der Laden wichtig ist. Für Aline John eine riesige Motivation, die hilft, durchzuhalten – gerade weil sie durch die verordnete Einstellung des Ladenverkaufs und das Ausbleiben von Bestellungen für Hochzeitstorten die Krise sehr deutlich zu spüren bekommt.

Auch das Tarte und Törtchen geht deshalb neue Wege: neben Genuss to go wird nun auch geliefert. Doch auch diese Umstellung bedeutet – vom Lieferauto über die zu gewährleistende Kühlkette bis hin zu den Mengen an Verpackungsmaterial – einen immensen Aufwand.

Umso beeindruckender finde ich, dass das Tarte und Törtchen nebenbei trotzdem noch tolle Aktionen startet: Wer nämlich dem Personal in der Pflege oder in den Krankenhäusern für ihre Arbeit, den Nachbarn für das Einkaufen oder Freundinnen und Freunden für ihre Unterstützung danken will kann ihnen mit dem Törtchenmobil direkt ein süßes Dankeschön als Überraschung liefern lassen. Stark!

„Not macht erfinderisch“, sagt auch Dorit Münzer-Bock und blickt auf die Waren, die sie seit ein paar Wochen in der halb zum Hofladen umfunktionierten Speisekammer West in der Rosenbergstraße anbietet. Eier, Mehl, Nudeln, Linsen, Käse, Wein, Maultaschen, Spätzle, Obst und Gemüse – die Idee, zusätzlich auch frische regionale Lebensmittel anzubieten, sei ihr auf dem Großmarkt gekommen, erzählt sie und betont:

All jene, von denen sie die Waren beziehe seien nicht nur Lieferanten, sondern Freundinnen und Freunde mit der gleichen Überzeugung, „gutem Essen Recht zu geben“, wie auch der Slogan der Speisekammer lautet. Wie das angenommen wird? Großartig, freut sich Dorit Münzer-Bock, und das liege an der treuen Community im Westen, die nicht nur am letzten Freitag zum achtjährigen Geburtstag Glückwünsche zukommen ließ, sondern sich auch darüber hinaus darum sorgt, wie es ihrer Speisekammer geht.

Ähnlich dankbar über den guten Zusammenhalt in der Nachbarschaft zeigten sich auch die anderen Ladenbesitzerinnen und -besitzer, die wir besuchten.

Zoé Amor, die ihren Concept-Store Milk Wood in der Traubenstraße erst 2017 eröffnete, erzählt, dass die Leute teilweise gerade jetzt besonders schöne Kleider kauften, ganz nach dem Motto:

Jetzt erst recht. Vor der Tür von Matthias Mummes Farben Nagel in der Gutenbergstraße verschönert eine wichtige Botschaft die Straße, die er auch in seinem Heimwerker- und neu: Fahrradservice vorbildlich umsetzt (sh. Foto am Ende des Artikels). Dass die Menschen sich an die Abstandsregeln halten, überwacht auch Orhan Sevimli in seiner Markt-Ecke konsequent, erzählt er betont ernst aber mit Augenzwinkern. Seit 2001 verkauft er in seinem kleinen, aber gut sortierten Supermarkt täglich frische Waren und es ist schön zu sehen, dass er einen auch in der Coronakrise mit seiner unaufgeregten und lockeren Art begrüßt.

Herausgekommen sind wir schließlich am Hölderlinplatz, wo wir noch bei der Blumeninsel von Dilaver Gök und dem Foodsharing-Café Raupe Immersatt vorbeigeschaut haben. Tipp für Getränke-Liebhaber: Die Raupe Immersatt bietet einen Abholdienst für Getränke von Bier über Schorlen und Limos bis hin zu Wein und Kaffeebohnen. 

Fazit: Ich bin froh, dass wir in Stuttgart eine so starke Gemeinschaft haben, die auch in der Krise solidarisch zusammenhält und dass das auch bei unseren Geschäften und in der Gastronomie ankommt.

Das schmälert natürlich nicht die Herausforderungen und Probleme, mit denen sie alle derzeit zu kämpfen haben, hilft aber dennoch durch diese schwierigen Zeiten. Danke dafür!

Bleibt gesund und denkt daran: Ihr seid mit Abstand die Besten! 💚

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